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Logical, radical, criminal
Klaus Theweleit in konkret 1. April 1999


Der Krieg als letztes Mittel, erwachsen zu werden, oder: Warum die Alt-68er in der neuen Regierung ohne Zögern bereit waren, Völkerrecht und Grundgesetz zu brechen

Ja, natürlich hätte es sein können, theoretisch wunschgemäß, Mr. Milosevic hätte das Handtuch geworfen nach drei Tagen, die grüne Friedensstifterwelt wäre glänzend bestätigt worden, die alliierte West-Welt hätte das glatte 3:0 der Human-Konföderation mit deutschen Flügelstürmern über Jugoslawien enthusiastisch bejubelt, die Friedenskommissare wären einmarschiert, Frau Beer, der gequälte Engel, hätte wieder schlafen können, und auch ich wäre, mit weich geklopfter Birne, übergetreten in den Günter-Grass-Fischer-Chor der „Leicht fällt es mir nicht, aber nötig war es“-Sänger – der Troubadore der Marktneuheit Humanes Bomben. Die Verfallsdaten von Reden zu Kriegen sind äußerst kurz. Was weiß ich, wo das Rad stehen wird bei Erscheinen dieses Artikels. Dennoch gebe ich folgende Antworten ohne Vorbehalt.

Auf die Frage: Warum sind bei Beginn der Nato-Bombardierung „Serbiens“ Ende März 99 so viele Alt-68er und Ex-Pazifisten für Krieg?, fällt mir als erstes ein: „Das ist möglicherweise ihre Art, sich endlich erwachsen zu fühlen.“ Als zweite Antwort: „Für Krieg war ein Teil von 68 immer, wenn ein gerechter Krieg zur Hand war, Vietnam, Angola, Startbahn West, Black Panthers, RAF, Kuba usw. Immer wenn die Underdogs der Welt, die sog. ‚Verdammten dieser Erde‘, uns nicht so allein ließen mit unserer ultra-tiefen Deutsch-Pein der Nazibewältigung, und stellvertretend und uns Mut machend zu- und zurückschlugen gegen die geballten Imperialismen der Welt.“

Zum Komplex Wachsen ist kurz zu sagen: Der Zustand eines gesellschaftlichen Erwachsenseins ist „unserer Generation“ nie zugestanden worden. Generallinie: Um unsere Nazigeschichte wirklich verstehen zu können, seid ihr zu klein (zu übersetzen in: Wir lassen uns nicht von unseren Kindern richten. Basta) – eine Haltung, die die Jungen mit der bekannten „Verweigerung“ als politischer Grundhaltung konterten (Verweigerung u. a. auch des Erwachsenwerdens). Der Komplex lässt sich als anhaltende Dauerentmündigung unter trotziger Zustimmung beschreiben. Zugestanden wurde ein Verbleib in einer Art avancierter Kluges-Kind-Rolle. Diese halb verordnete aber auch halb gewollte und gepflegte Kleinbleibrolle versuchen besonders jene Linke seit Jahren zu überspielen, die Berufspolitiker geworden sind. Bei ihnen ist eine Art Einfluss-Aufblasballon daraus geworden. In diesem, fürchte ich, haben sie zum ersten Mal in ihrem Leben das sichere Gefühl – jetzt durch Kriegführung -, erwachsen zu sein und als Erwachsene zu handeln.

Antwort 3: Vermutlich und leider spielt es eine Rolle, dass das angegriffene Land des Nato-Märzkriegs 1999 (das bei CNN und n-tv korrekt Federal Republic of Yugoslavia heißt), auf deutsch sich schlicht „SERBIEN“ spricht. Ich weiß nicht, warum der/die/das Deutsche, ob links, rechts, grün, gelb, braun, schwarz, rot, oliv oder tarnfarben seine 20.-Jh.-Notdurft zielsicher auf dem „Balkan“ verrichten muss: Es ist aber so. Dass ein Teil von Alt-68 keine Ausnahme machen will hiervon, weist die Leute immerhin als Doch-Irgendwie-Deutsche aus. So wie die Nicht-Anbindung Russlands an die Nato kein Kohl-Kabinett besser hätte betreiben können als Fisherman’s Grüne.

Obladi Oblada, war goes on, yeah, lalalalalalala.

Das war für mich immer ein Hauptproblem, dass die Leute, die für Krieg und Gerechtigkeit sind, die beschissenen Popstücke unfehlbar immer am besten finden. Cold War goes on: Wenn das alles einen „ökonomischen Sinn“ haben soll, dann den, dass der Westen, Frankreich, GB, BRD, Italia usw. ein zerstörtes „Serbien“ bräuchten, um an den Großen Wiederaufbau, Titel: „Neues Wirtschaftswunder Balkan“, ganz in eigener Humanitär-Regie gehen zu können.

Antwort 4: Mit Karl Kraus’ „Mir fällt zu Hitler nichts“ konnten die Linken noch nie was anfangen. Sie sehen Hitler an jeder Ecke, und Einfälle haben sie auch. Sie fallen auch militärisch ein, wenn ihnen Flugzeuge zur Verfügung stehn und ein „Balkan“, auf dem die sog. Menschenrechte anders buchstabiert werden. Diesmal ist es Milosevic, der in den Denk-Einfällen des Links-wie-Rechts-Westens den Hitler-Saddam-Part abgeben muss, so wie die Albaner aus dem Kosovo den Körperstoff für die zugehörige Rolle der Opfer eines Genozids. Für diese militärisch Partei zu ergreifen, ist automatisch ein Akt nachträglichen Hitler-Tötens. Einen Hitler töten – ein alter linker Wunschtraum sowie pazifistisches Trauma: Diesmal sind wir die Alliierten, die das Hitler-Monster wegbomben, die Inkarnation neuer Humanität.

Antwort 5: Im Mittelpunkt aller Strategien steht die Beseitigung von Diktatoren und steht außerdem der Mensch (im Frieden im Mittelpunkt ausbleibender Lohnerhöhungen, im Krieg im Mittelpunkt von Bombenfeuer und Humanitär-Strategien). Unter den verschärften Bedingungen einer Neuen Mitte ergibt sich zwingend der Primat des Strategischen über alle anderen Wirklichkeitssorten; d. i. im Mitte-Links-Klartext die Verwechslung des Lebens mit einem Gesellschaftsspiel oder Videogame. Nicht die geschmähte nachwachsende Schülergeneration macht sich dieser Verwechslung schuldig, sondern ihre Eltern: die natürlich-genuinen Kritiker der elektronischen Kinderverderbnis. Die Grünen sind nicht die Typen, „vor denen unsere Eltern uns immer warnten“, sie sind selber das Unglück, vor dem sie unentwegt warnen: dehumanisierte Regierungs-Technokraten mit Humanitär-Sticker am Polit-Revers. Das Feld „humanitärer Katastrophen“ ist eins der wenigen, auf dem alt-linkes „strategisches Welt-Spiel-Denken“ noch erfolgreiche Anwendung verspricht. Anders: Die Zauberlehrlinge absolvieren ein Praktikum beim Meister Kapital.

Antwort 6: Die Rückkehr der vertriebenen Kosovo-Albaner in ihre Wohngebiete setzt die vollständige Niederlage von Milosevic’ Jugoslawien voraus. Wie diese in entsprechend kurzer Zeit zu bewerkstelligen sei, weiß niemand, d. h.: wissen erfahrungsgemäß nur geübte Alternativ-Strategen. Als ihr größter zeigt sich J. Außen-Fischer abends im Fernsehn. Er stellt fest, mit Autoritätsblick über Hängebrille, dass das, was Milosevic heute wieder gemacht habe, „nicht hinnehmbar sei“. Unwiederbringliche Gelegenheiten, sich als Erich-Böhme-Darsteller zu beweisen (der bekam Preise.) Inhaltlich wird dabei die Verkehrung antiautoritärer Politik in das Abspulen professioneller Autoritätsgestik besiegelt. Der Krieg verleiht das fehlende Autoritätssiegel, das Schröderfischers Gebaren – bar aller diplomatischen Fähigkeiten – so bitter nötig hat. Die Karikatur jeder üblen Geste des Erwachsenseins als Zugehörigkeitsausweis zur Welt des Seriösen ist dabei notwendig und gewollt. Diese Feststellung gilt auch für den Fall, dass Fischer den Krieg morgen „gewonnen“ haben sollte.

Antwort 7: Immer allein und un-alliiert, das war Scheiße. Und immer verlieren auch. Das hält der humanste Linke nicht aus. Deshalb Koalitionen, deshalb Umarmungen, Mehrheitsbildungen, Siegerpodeste: Kann ich die Unteren nicht bewegen, muss ich es von oben versuchen. Können wir die Nato nicht abschaffen, müssen wir sie wenigstens selber kommandieren: also Bomben ins Herz der Finsternis. Der Tag wird kommen, da wird Spielberg es verfilmt haben. Dem Mann entgeht keine gerechte Tat der Geschichte.

Antwort 8 (heimlich, beiseite): „Und wenn es schon keine gerechten Gesellschaften gibt, brauchen wir wenigstens ne ordentliche Polizei.“

Antwort 9: In diesem Fake von Erwachsen-Sein, Mode-Anzügen und ausgesuchtem Sortiment aufgesetzter Profi-Gesten führen die Protagonisten dieser Entwicklung genau den Quark, den sie bei anderen Erwachsenen gesehen haben, als eine Art Identitätsstiftung für durchhängende Alt-Linke vor: Verantwortung tragen, Konsequenzen demonstrieren, durchgreifen, Standhaftigkeit zeigen, sich nicht verarschen lassen, usw.: Größe, mit einem Wort.

Antwort 10: Zum Erwachsensein gehört das Recht auf „Unmoral“. Von politischer Ehrenhaftigkeit allein kann sich auf Dauer kein erwachsenes Denken ernähren. Eine gut berechnete Dosis Schwein-Sein-Dürfens ist unverbrüchliches westliches Menschenrecht. Immer honest sein ist furchtbar.

Die Rocker durften böse werden und hatten ihren Punk und ihr Techtelmechtel mit den Nazisymbolen, die Feministinnen durften gleichberechtigt normal, d. h. normal fies sein, sie nahmen sich dies Recht; die Jugendlichen kriegten Horrorglatzen, Baseball- und Stiefel-Techno-Freiheit eingeräumt, jeder Arsch, der mit Sorge um die Erde das Gift der Welt entschlossen bekämpfte, bekam seinen ökologischen Priesterorden mit angeschlossenen Trennschärfe-Horden – waren jetzt nicht endlich wir dran? Wir haben am längsten durchgehalten mit Peace & Love im Fußballpark; wer nimmt uns noch ernst, wenn wir nicht nachziehn. Bestes Mittel dazu ist, wie überall, die geteilte Transgression ins erlaubte Kriminelle. Was könnte unverdächtiger sein dafür als der gerechte Krieg.

Grün grün grün sind alle meine Kleider

Grün grün grün ist alles was ich hab

Darum lieb ich alles was so grün ist

Weil mein Schatz ein Jäger ist.

Ja, in einer F 117 Stealth – schöner Name für diese grüne (Un)-Heimlichkeit.

Antwort 11: Wo es keine „Alternativen“ mehr gibt im Politischen, muss reingehauen werden. Zu übersetzen als: Wo es keine Alternativen mehr gibt im erlahmten Leben – wenn man nicht mehr weiß, wie man das eigene Leben organisieren soll und welche Lüste noch Lust haben, auf einen zu warten -, ist auch der Tod (der der andern vor allem) ein gern gesehener Gast am Gabentisch des unerfüllten Lebens. Erwachsenwerden will nur der, der selbst nicht mehr wächst. Jeder dieser Bon-Vivanten führt seine dritte bis sechste Frau im Geschirr; wir sollen das nehmen als genuinen Ausdruck elementarster Steigerungsprozesse im Elan vital dieser Herrn, denen das vorhandene feminine Material einfach nicht standhält oder genügt, jedenfalls nicht in einem einzelnen seiner Exemplare. Sehen Sie sich das jetzige Exemplar an der Seite der jeweiligen Herrn an, und entscheiden Sie selbst über seine historische Notwendigkeit: Die einzige Alternative lautet da wohl Krieg.

Insgesamt eine Spät-Variante zu Stanley Kubricks Dr. Strangelove, die Kubrick nicht mehr sehen wollte. Er starb pünktlich zum Einsatz des Nato-Balkan-Kriegs, entnervt. Kubricks Film endet mit dem Abwurf einer Atombombe, auf der ein Nato-Krieger herunterreitet zur Konfliktbereinigung ins Irdische; man hört dazu den Song einer Countrysängerin (Vera Lynn) mit dem globalen Versprechen We’ll meet again.

Antwort 12: Machs noch mal, Sam, aber diesmal mit uns als Bogey oder Bombenreiter. Schröder & Fischer mit Paul Breitners Havanna im Verantwortungs-Maul schließen gewisse 68er-Regelkreise: Der Primat des Politischen vor dem Militärischen ist zu beweisen; 1999 leider mit dem Mittel des Krieges.

Antwort 13: Wo wirklich verantwortet wird, fallen Späne. Hauptsache: humanitär. Hauptsache: durchgerungen. Hauptsache: ganze Nacht nicht geschlafen. Hauptsache: gordischer Knoten. Hauptsache: aufs Haupt des Diktators. Doppel-Hauptsache: Die Null muss stehn, d. h. die Verantwortung verdient kein Gegentor. „Wir stehen randvoll in der Verantwortung, ohne Wenn und Abel“, sagt Frau Beer, mit der man nicht anders kann als das vollste Mitleid haben, weil sie die ganze Nacht (zum wiederholten Mal) nicht geschlafen hat. Vor lauter Verantwortungs-Wörtern kriegt sie den Mund nicht zu; das hat zur Folge, dass einige Leute im sog. Serbien den Mund nie mehr aufkriegen. Aber wir verantworten das. Zwar weiß jeder, dass niemand von ihnen sich wird verantworten müssen, für das, was sie da tun (vor welchem Gericht denn?), aber das ist ja das Schöne: Wer die volle Verantwortung trägt, darf sich schon einiges rausnehmen im Leben (s. Clinton, dem wir hier auch gern die abhanden gekommene Frau Lewinsky ersetzen).

Antwort 14: „Wir hassen den Krieg, deshalb Bomben.“ Fragen Sie dazu Cohn-Bendit; der erklärt Ihnen jeden Widerspruch. Wie man das macht, ist ein Alt-68er- Berufsgeheimnis. Was Recht ist, muss Recht bleiben, die Gerechtigkeit ist unteilbar, obwohl auch die Antagonismen zu berücksichtigen sind, aber: „Ich habe das Gebiet bereist, persönlich, und das Elend gesehen. Dort wird gelitten! Haben Sie schon mal Menschen weinen sehen? Da wird Ihnen ganz anders! Und halten Sie dies aus? Doch wohl nicht!“ Die Bomben ergeben sich so aus der Macht des Mitleidens. Man hat so wenig Gelegenheit sonst, sein Mitleiden (vor allem das mit sich selbst: Wie kann es uns so gut gehen, wo es anderen so schlecht geht!) wirklich wirksam zu gestalten. Got it? Der Pimpf, der aus meinem und deinem Kragen rausschaut, muss auch zu seinem Recht kommen – bevor es hundert schlägt im Endlos-Jugend-Leben. Und Recht bekommt der Pimpf nirgendwo (zu Hause), nur auf dem Balkan, in Polen, in der Ukraine. Im Fernsehn heißt der Pimpf Fischer und spricht: Nie wieder Krieg! Wir haben aber auch gesagt: Nie wieder Auschwitz. Wir sind die Generation, die die Eltern gefragt hat, wieso habt ihr das zugelassen – Worte, zu denen er mit erhobenem Schreibstift sechs, sieben Mal die umgebende Luft durchstochert. Got it? Wenn wir Bomben werfen, ist es Auschwitz-Verhinderung.

Antwort 15: Ein Krieg ist immer auch ein Betätigungsfeld für allerlei analytischen Scharfsinn. Als neo-linker Nato-Sympathisant durchschaut man z. B. exakt, wie von hiesigen Medien die serbische Frau gezielt als Hexe ideologisch in den Milosevic’schen Schuld-Zusammenhang involviert wird. In Bildern des jugoslawischen Staatsfernsehns sieht man die serbische Staatshexe z. B. herumtanzen auf runtergefallenen Flugzeugflügeln; sie hat den Nato-Piloten gegessen vorher. So was glaubt der nicht mehr rotierende grüne Vollzeitabgeordnete aber nicht; seinem zwar nicht mehr pazifistischen, aber immer noch super-frauenfreundlichen Scharfblick entgeht nicht, dass er hier reingelegt werden soll. Er schützt entschlossen die serbische Frau vor ihrem drohenden Missbrauch durch den Propaganda-Macho Milosevic. Nato-Bomben auf serbische Paläste zum Schutz der serbischen Frauen sind ein linkes Minimal-Erfordernis zur Durchsetzung der Parole Make love not war auch in der momentan entmenschten Balkan-Region. Antwort 16: Von deutschem Boden darf nie wieder Krieg ausgehn. Die Geltungsdauer dieses Satzes entscheidend begrenzt zu haben, sichert dem neo-humanitären Alt-68er mit Sicherheit den Platz in den Geschichtsbüchern, den ihm sonst vielleicht ein putschender Bundeswehrgeneral streitig gemacht hätte. Ich hab gesehn, wie sich bei Ludger Volmer, dem Ex-Ober-Pazifisten-Generallissimo der Basilikums-Fraktion die Brillengläser biegen bei seinen Kriegsbegründungen.

Antwort 17 dahinter könnte lauten: Nur Bomben auf Serbien halten uns länger als ein Jahr in diesem Schröder-Schrott-Kabinett. Carpe diem! Es gibt nicht mehr viele (Tage) in der Staatssekretär- und Ministerposition.

Antwort 18: In all ihren langen Kämpferjahren ist es allen Altlinken ganz selbstverständlich geworden, ihr eigenes Tun und Blasen automatisch als die Durchsetzung einer ‚höheren Gerechtigkeit‘ aufzufassen. Ihre unfehlbar treffenden Polit-Analysen, ihre unschuldsvolle mörderische Selbstgerechtigkeit, immer dem Wahren, Guten und Schönen auf der Pelle und nie ganz faktenlos, garantieren den Output des eigenen Denkens auf der Seite der fundierten Humanitaria. Dem Schönen dabei vielleicht weniger verpflichtet, da tut es auch die „Lindenstraße“; die ästhetische Liga, in der Schröder spielt, heißt Dieter Bohlen, merkt W. Droste an. Auf einer Tanzfläche sah ich neulich, dass die ästhetische Liga von Links-Alternativen so um die fünfzig zu einem guten Teil Boney M. heißt, „Bridges of Babylon“, – was soll man da erwarten. Man lernt, dies Wort als Baby-lon zu schreiben, und registriert, wie die Baby-Loners endlich und erfolgreich dabei sind, neben dem ästhetischen Unheil, das sie schon immer über die Welt ausstreuten, einem nun auch noch das Rest-Hirn wegzubomben. Die Ultima ratio des selbstgewissen Entsorgungsdenkens heißt u. U. auch Krieg.

Solange es sie gibt, haben dominante Teile der Grünen kritische Grundeinsichten oppositioneller Kräfte der BRD bekämpft, z. B. die, dass sich durch Wahlen allein nicht viel Wesentliches ändern lassen werde an Zustand und Lage des Lands. Mit den Grünen an der Schwelle zum Regierungseintritt sind solche Einsichten immer stärker marginalisiert worden; die Grüne Partei hat das – nach dem Kippen der Magdeburger Beschlüsse durch Fischer und die Fraktion – mit ihrer kompletten Entmachtung bezahlt. Das letzte vernünftige Wort aus den Reihen der Grünen war die 5-Mark-Forderung für den Liter Benzin. Ihre Zurücknahme war der Beginn des Nato-Angriffs auf Jugoslawien. Lachen Sie nur.

Es gab aber immer mehrere Sorten Grüne (und 68er-Alt-Linke). Bei den einen war 1998 deutlich sichtbar, dass sie schon mit der Option auf die Bombardierung Jugoslawiens in die Wahl gegangen sind. Von Fischer und Cohn-Bendit kann kein Wähler sagen, er sei getäuscht worden (wie es Walter Boehlich voll Wut im Hessischen Rundfunk vortrug): Die waren schon vor der Wahl für den Krieg. Weshalb ich sie auch nicht mehr gewählt habe.

Ob man, um das Leben in einem Land zu verändern, in der Regierung sitzen muss, ist ein alter Streitpunkt. Eine Linie der Grünen hat immer die institutionellen Machtpositionen im Visier gehabt.

Andere Richtungen haben eher befürchtet, dass unter Regierungssachzwängen alle Bewegungsfreiheit schnell dahin ist. Beim Atomausstieg konnte man sehen, wie die Grünen jeden Tag einen Kosten-Zwang mehr zur Kenntnis nehmen mussten, bis von den Ausstiegsplänen fast nichts übrig blieb; wie es jetzt aussieht, ist die Sache in jeder Hinsicht völlig unentschieden. Die Grünenspitze ist blind, aber gläubig in die Fallen der Machtausübung gelaufen. Glaubend, in Griffweite der Hebel hätte man auch die Freiheit, sie zu bedienen. Sie kriegen aber bloß ein Trugbild davon zu sehen, den Joystick für Zauberlehrlingspraktikanten. Während die wesentlichen Veränderungen im Zivilverhalten dieser Gesellschaft nicht von Regierungen ausgegangen sind, sondern von allen möglichen Kleinformen des Politischen. Die Kriegsbetreiber jetzt unterliegen eher politischen Allmachtsphantasien als strategischen Kalkülen; dieser alten linken Meise, die aus Fernanalysen die richtige Politik für alle Weltteile ableiten zu können glaubt, ein purer Wahnsinn, den sie aber, die Fingerspitzen am Trugbild des Machthebels, für Rationalität halten. So hat mich die Zeitungsmeldung von der Absicht Joschka Fischers, den alten Einschätzungsstrategen Joscha Schmierer in seinen außenpolitischen Beraterstab zu beordern, nicht überrascht. Schmierer, dem es in den letzten Jahren mit glücklicher Hand gelungen ist, in Fragen der Europapolitik die Positionen Helmut Kohls mit den Erleuchtungen Mao Tse Tungs einleuchtend zu kombinieren; solche Talente vom Strategenflügel des Linksregenbogens können nicht ohne Arbeit bleiben in Zeiten linker Machthebelnähe.

Wenn es in den hyperrationalen Spielszenarien dieser Gilde stocknüchterner Süchtiger nicht weitergeht, wird logisch die Wahl der Mittel verschärft, wird eine Stufe höher geschaltet, das walte sowohl Lenin wie die Kommandozentrale des Raumschiffs Enterprise. Manchmal kommt da ganz zwingend Krieg raus aus den Schaltungen. Ihre Betreiber erstrahlen dann im Charme jenes ausgewachsenen Infantilismus, mit dem man 100 wird, wenn man Jüngers Spiele betreibt. Joshua fit the battle of Kosovo / And the walls came tumbling down.

Das Argument mit Hitler und den Alliierten stößt Alt-68er Peter Schneider gerade wieder aus, Talkshow Buchmesse Leipzig. Er sitzt dort und fährt Nenad Popovic über den Mund. Popovic hat in Leipzig einen Preis bekommen für kluge Verlagspolitik eines nicht-rechten Kleinverlegers in Tudjmans Zagreb, kein leichter Job. Ich kenne Nenad Popovic. Er war der Verleger der Männerphantasien in serbokroatischer Übersetzung, Anfang der 80er. Ein taktierender Redner von grimmigem Witz, der irgendwie schon sagt, was er denkt, aber es ist nicht immer ganz leicht, das genau mitzubekommen. Hier sagt er, nach einigem Hin und Her, jetzt, nach den Bomben, seien 90 Prozent der Serben für Milosevic.

Peter Schneider fährt hoch aus seinem Sitzgerät: „Da bin ich aber anderer Meinung!“ Sein berüchtigter Denkschwengel schwillt gefährlich an auf der Ballonstirn. „Wenn die Alliierten früher vorgegangen wären gegen die Nazis, wäre alles ganz anders gekommen mit der Hitlerei.“ Ah – „die Hitlerei“ heißt das heute bei talkshowenden deutschen Intellektualoffizieren. Es hat tatsächlich Schneid, wie er dem Popovic die knappe Redezeit wegnimmt, er selber war schon vorher dran. Aber die Alliierten-Maulbombe muss noch abgeworfen werden auf den vorsichtigen Popovic (und auf uns), Nato-Schneider, schneidig. Ich kenne auch den, netter Mensch, wenn er nicht schreibt oder spricht, spielt Gitarre, wenn man ihn lässt, oder allein zu Haus. Mit Kollegen Biermann und Cohn-Bendit teilt er das Alliierten-Trauma. Sie können es irgendwie nicht verknusen, dass die Alliierten sie vor Hitler gerettet haben in der Kindheit, und sie sich nie richtig dafür persönlich haben bedanken können. Das ist sehr wichtig für sie. Diese Geschichte der unabgestatteten Dankesschuld zerfrisst ihnen die ganze Psyche. Natürlich ist auch jemand wie ich von den Alliierten gerettet worden, aber nicht so persönlich, sondern eher unabsichtlich, nebenbei, deshalb trage ich nicht ganz so schwer an dieser Bürde. Ich muss z. B. keine Bomben werfen auf Feinde Amerikas und der Menschheit, um mich endlich frei zu fühlen von dieser Abstattungslast.

Dabei ist das gar kein so gutes Beispiel für sicheres angewandtes Menschenrechtlertum. Hätten die Amerikaner z. B. etwas früher eingegriffen in den Weltkrieg, Hitler hätte den Angriff auf die SU womöglich vorverlegt. Zwei Monate früher und die deutsche Wehrmacht wäre nicht in den russischen Winter geraten, Hitler hätte seinen Ostkrieg gewonnen und die USA hätten Frieden geschlossen mit dem großen Besieger des Bolschewismus. Dann hätten die deutschen Umsiedlungspläne gegriffen. Hunderte solcher Szenarien sind ausdenkbar, reines Hazard, heiße Luft aus halbgewitzten akademischen Hirnen.

Politik ist mit so was nicht zu machen. Es gibt keine vernünftig politisch umsetzbaren Hitler-Milosevic-Vergleiche. Ob jemand Saddam Hussein oder Milosevic für mehr oder weniger Hitler hält, ist strukturell keine andere Betrachtung als die, ob ein Bundestrainer Rehhagel ein ebensolcher Esel wäre wie Berti oder Sir Erich oder auch nicht; kein halbwegs vernünftiger Mensch stellt nach so etwas Mannschaften oder Heere auf. Befund auch hier: Ein hochinfantilisierter Erwachsenendarsteller bietet sich an als Offizierskandidatfürs strategische Deutsch-Südost-Korps, ein humanitärer 68er-Veteran, der sich, endlich ausgewachsen, als entschlossener Slawenbändiger profiliert.

Das Osterradio spielt The Logical Song von Supertramp und Good Vibrations von den Beach Boys, dazwischen Kriegsmeldungen: 25 amerikanische Apache-Hubschrauber sollen aus dem Hessischen her die Ost-Comanchen im Kosovo zivilisatorisches Verhalten lehren. Der Logical Song hat im Text genau die Wortfolge, um die es im Verhalten der alten Pazifisten geht: radical – liberal – cynical. Then they taught me how to be acceptable, respectable ...

... die Lehre, die der Rocksong unausgesprochen enthält: Akzeptiert und respektiert in dieser Gesellschaft ist, wer letztlich den Krieg annimmt und sich vor den Kriegsherrn beugt, bzw. ihr Agent wird: akzeptiert, respektiert. Das Stück beginnt When I was young und handelt von den Qualen des Erwachsenwerdens: dem Einstieg des Kinds in die Begriffswelt. Wörter wie „sensible“ und „natural“ werden überdeckt von langen Wörterketten der Reihe logical, practical, philosophical, cynical, radical, criminal, fanatical, das Altsaxophon spielt die Rolle der Stimme des Kindes, es geht am Ende in Schreie und Stöhnen über, bedrängt von der Gewalt der Begriffssysteme.

Kann es einem entgehen, dass Peter Handkes „Mars attacks“ kein Begriff, sondern ein Entsetzensruf ist, der bewusst aus einer Kindheits-, Phantasie- und Kunstwelt kommt, Orson Welles Krieg der Welten-Hörspiel von 1938 zitierend, vor dessen inszeniertem Marsangriff Teile der Bevölkerung New Yorks zu flüchten begannen: Der Planet Erde reagierte (bald darauf mit WW II), „Berlin wird der Planet sein“, Paris, London, New York, Rom werden der Planet sein, schreibt Handke, natürlich ist es das Militär, das uns im Nacken sitzt wie der Mars der Kindheitsschrecken und Science-Fiction-Visionen. Handke ist „still young“, seine Nachrichten kommen, wenigstens teilweise, aus dem Kinderzimmer des Logical Song, während die Neo-Erwachsenen um Bomben-Fischer und Strategy-Dany und Nato-Schneider und Bloody Schmierer, uns die Begriffswelt „des Mars“ unter den Erhabenheitswörtern Humanität und Verantwortung in den Körper zu brennen suchen, assistiert von einem Scharping-Samurai, der aussieht und spricht wie unter einer Total-Dosis Valium: Sedativ-Rudi, umquirlt von Ecstasy-Schröder, dem chief in residence der Designer-Drogisten. Der ganze Club ist voll bedröhnt in seinem geballten Infantil-Wahn der Kontrolle des Weltgeschehens, nur Frau Beer kann noch nicht schlafen, der Engel, sie sieht sich all night long auf Tarnkappenflügeln über Höllenschlünde reiten: „Ist es denn alles richtig, was wir da machen? Im Schlepptau dieser anti-diplomatischen Lall-Bande bemühter männlicher Großen-Darsteller?“ Nicht dass die Bande um Kohl was anderes gewesen wäre: Aber sie wusste um ihr Theater, wie die Äußerungen von Volker Rühe bestens belegen.

Ich stelle oft in den letzten Jahren mit Erstaunen fest, wie viele der politisch nicht ganz unbeleckten Leute, die man kennt (und die man liest), die klarsten Evidenzen nicht wahrnehmen können (oder wollen) und sich in die merkwürdigsten Konstellationen verhaken. Peter Handkes Anfang der 90er Jahre in Das Neunte Land eher melancholisch vorgetragenes Plädoyer für den Verbleib Sloweniens in der jugoslawischen Konföderation fand ich dagegen nicht nur nachvollziehbar, sondern politisch richtig. Nur der Erhalt des Bundesstaates Jugoslawien erschien mir als eine Barriere gegen sonst drohende Balkan-Kriege. Fast niemand um mich herum, fast niemand in den Zeitungen war der gleichen Ansicht. Ich weiß bis heute nicht, warum. Und frage mich natürlich, ob nicht ich es bin, der spinnt.

Mir liegt sehr wenig am Rechthaben in diesen Dingen, und ich befasse mich mit ihnen prinzipiell unfreiwillig, unterm Druck der Ereignisse. Viel lieber hätte ich mich geirrt, Jugoslawien wäre auseinander gefallen in zehn bis 15 Einzelstaaten, sie wären an einen friedlichen Neuaufbau ihrer Beziehungen gegangen, unter weitgehendem Abbau ihrer Militärapparate; das „Selbstbestimmungsrecht der Völker“ hätte glücklich gegriffen und damit WW II endlich beendet auch in dieser europäischen Geographie, und man hätte sich nie mehr befassen müssen mit dem „Balkan als Pulverfass“, außer mit der Umgebung des heutigen Belgrad als Ort der alten Vinca-Kultur (Schriftentstehung! Große Göttin!).

Wo stand denn eigentlich geschrieben, dass jede sog. „Ethnie“ oder auch sog. „Religionsgemeinschaft“ ihren eigenen politischen Staat haben muss? Haben die Bayern doch auch nicht. War das nicht ein Gedanke, den das vernünftigere Europa grade zu den Akten zu legen im Begriff war nach dem Ende von WW II? Und jetzt sollte diese Ethno-Zerschnipselung Jugoslawiens der Weisheit letzter Schuss sein? Wollte mir nicht in den Kopf, wollte nie und will noch nicht.

Handke lag ganz richtig 1991 – heute kommt dieselbe Argumentation aus der SPD-Spitze: Hermann Scheer, Mitglied des Bundesvorstands der SPD seit 1993, erscheint in der „Taz“ vom 30.3.99 mit der Feststellung, dass die westliche Politik der Zerstückelung Jugoslawiens total gescheitert sei. Er stellt fest, „dass nie ernsthaft versucht wurde, die Aufsplitterung des von Tito geschaffenen jugoslawischen Bundes zu verhindern. Die Bedenkenlosigkeit, mit der dessen Zerschlagung unterstützt wurde, ist nur erklärbar mit der außenpolitischen Wendeatmosphäre der frühen 90er. Alles hätte versucht werden müssen, Jugoslawien zusammenzuhalten ... in einer Konföderation, die den auseinanderstrebenden Bundesstaaten mehr Kompetenz gegeben hätte ... Niemals hätte man dem sich radikalisierenden ethnischen Geist in Jugoslawien international anerkannte eigene Staatsräume geben dürfen – doch davon wollten unsere historisch unkundigen Anerkennungspolitiker nichts wissen. Man dürfe, so hieß es, den jugoslawischen Teilstaaten nicht das Selbstbestimmungsrecht verweigern ... Dabei wurde übersehen, dass es einen fundamentalen Gegensatz gibt zwischen einer nur ethnisch begründeten Selbstbestimmung und jenem Selbstbestimmungsprinzip, das Demokratie für die in einem Staatsgebiet lebenden Menschen vor ethnische Autonomie stellt ... Kroatien wurde sogar auf der Basis einer Verfassung anerkannt, die den serbischen Minderheiten das volle Bürgerrecht verweigerte.“

Sieh an, und warum erst jetzt diese Einsicht, wo die Bomben fliegen, SPD-gelenkt, wo das Kind wirklich im sprichwörtlichen Brunnen liegt und ersäuft?

Handke war nicht verrückt Anfang der 90er; wenn er es jetzt sein sollte, ist er verrückt gemacht worden durch eine westliche Idiotenpolitik und zugehörige Presse. Auch liegt seine momentane „Verrücktheit“ für mich nicht darin, dass er für Serbien spricht – warum soll unter 10 000 deutschen Schreibern nicht einer für die Serben reden dürfen; wie totalitär muss es denn sein im Meinungskrieg der Pen-Soldaten? –, sie liegt für mich darin, dass er sich für einen regierenden Staatschef ausspricht, für den Kopf einer Militärmaschine. Die militärischen Hantierer sind aber sämtlich Gangster, ob Milosevic ein größerer als Schröder, Clinton, Blair & Fischer, wäre eine andere Diskussion. Die Zahl der von der jugoslawischen Armee und von Milizen im Kosovo ermordeten Albaner ist hier noch nicht bekannt. Die hohe Zahl der Vertriebenen legt aber andere Wörter nahe als Genozid. Die Vertreibung einiger hunderttausend nominell jugoslawischer Staatsbürger – Menschen aus dem Staatsteil Kosovo, die erklärterweise keine Jugoslawen mehr sein und sich abtrennen wollen – kann man nicht so nennen. Auch wenn Fischer acht Mal stochert und dabei „Auschwitz“ aus dem Ärmel pokert. Liegt nicht vielmehr der ziemlich geniale Coup der jugoslawischen Regierung vor, der Nato als Ergebnis ihrer Angriffe die genaue Erfüllung von Milosevic’ Wunschpolitik zu präsentieren, die Entleerung des Kosovo von albanisch-separatistischer Bevölkerung, und dem Westen das zu bescheren, was er am allerwenigsten mag: Flüchtlingsströme? Ein Genozid könnte draus werden, wenn die Nato-Länder, die den Willen dieser Menschen nach anderem Staat tatkräftig mit Bomben gegen Jugoslawien unterstützen, sich standhaft weigern, diejenigen, die zu vertreiben sie so erfolgreich mitgeholfen haben, auch aufzunehmen, sie zu verpflegen und ihnen Unterkunft und Arbeit zu geben. Ich mache das Fernsehn an und höre Otto Schily: Wenn wir die Flüchtlinge aufnehmen, gestehen wir ein, dass wir nicht mit ihrer Rückkehr in den Kosovo rechnen, das nützt nur Milosevic. Humanitäre Hilfe, die eine wäre, ist nicht angesagt, ist unerwachsen. Also: Grenzen dicht.

Am schlimmsten bei diesem eröffneten Krieg ist es aber, dass die Grünen den Hemmpunkt beseitigt haben, der Militärmächte in Europa daran hinderte, sich gegen andere Länder in Bewegung zu setzen unter Berufung auf „humanitäre Absichten“. Die Nato ist als militärische Eingriffskraft damit freigesetzt, und die Bundeswehr aus ihrer bisherigen Verfassungsfessel befreit. Das haben die Grünen gemacht. Deshalb sind sie auch in die Regierung gelassen worden. Weil man genau das von ihnen wollte. Man lässt das die alten Pazifisten machen. Und wenn die ein paar Dinge gelockert haben, dann fliegen sie wieder raus, dann braucht man sie nicht mehr. Ob sie den Dank für den kriminellen Akt, die Fessel von Nato und Bundeswehr sehenden Auges heruntergenommen zu haben, je einheimsen können, ist dabei zweifelhaft. Nicht wissend, ob sie in einem Jahr überhaupt noch in der Regierung sind und wer von dem Mittel Bundeswehr und Eingriffskraft Gebrauch machen wird oder kann oder will. Eine Umfrage unter Parteimitgliedern aller Parteien Ende März 99 ergibt, dass die Grünen bei der Befürwortung des Militärschlags mit 73 Prozent die höchste Zustimmung ihrer Mitglieder haben. Das ist wirklich irrsinnig.

Aber welch Selbstvertrauen in den Kabinen! Lautete nicht dagegen ein Mao-Satz, dass man den Gegner nicht unterschätzen dürfe? Schon zum Doppel-Pass-Gesetzentwurf konnte Norbert Seitz anmerken, Schilys Kasten sei offen gewesen „wie ein Scheunentor“. Man hatte, allmachts-phantastisch, die CDU für tot erklärt, aber Rollstuhl-Schäuble und Bierhumpen-Stoiber knallten ihnen die Dinger rein, dass es nur so schepperte, und 6:1 geschlagen schlich die Koalition aus dem Waldstadion. Dass Milosevic sich rühren könnte und mitspielen, hatte offenbar keiner auf der Rechnung hier, außer kritischen Kommentatoren, die es ja durchaus gab und gibt. Wir erleben den seltenen Fall, dass die sog. schreibende Zunft die regierende nicht automatisch an geballtem Einsatz erhabener Infantilismen übertrifft. Was angesichts des Dauer-Gekichers der Polit-Backfische Röstel & Radtke vor den Kameras des Landes, das diese Ereignisse präludierte, auch nicht ganz leicht gewesen wäre, wenn nicht unmöglich. Gickelnder Unernst ist das Herz der grünen Idiotie; bei Männern äußert der sich in Posen des Seriösen. Dessen non plus ultra hieß aber immer schon Krieg.

Droste, „Taz“, 31. März1999: „Wenn man vor einem Jahr erklärte: „Wer Schröder wählt, wählt Krieg’, galt man als Alarmist oder direkt als Verrückter.“ Damit habe ich einige Erfahrungen. Seit der übers Knie gebrochenen deutschen Einigung und verstärkt nach der Selbstauflösung der Sowjetunion habe ich nicht aufgehört zu behaupten, mündlich wie schriftlich, das bedeute in absehbarer Zeit Krieg „im Osten“. Zu Genschers Husarenritt mit der Anerkennung Sloweniens fiel mir nichts anderes ein als: „Das bedeutet Krieg auf dem Balkan, und zwar richtigen Krieg. Warum seht ihr das nicht, ihr Idioten!“ Ich gelte seither nicht mehr viel als „Mann für Politprognosen“, obwohl die Trefferquote meiner Befürchtungen nicht die schlechteste ist. Auch darin, was die letzte deutsche Wahl angeht. Da fielen mir immer die letzten Jahre der Regierung Schmidt ein. Jeden Tag eine „Bild“-Schlagzeile, „FAZ“ usw. mit dem „neuesten geplanten Juso-Unfug“, mit der „Unfähigkeit der SPD, mit Geld umzugehn“, mit der „Unfähigkeit der SPD, dem Terrorismus zu begegnen“, der Unfähigkeit, „die Wirtschaft anzukurbeln“, die Banken jagten die Zinssätze hoch auf über zehn Prozent, die „Seriosität“ der SPD als Regierungspartei kriegte jeden Tag in die Fresse, bis der ganze Laden so weich geschossen war, dass Genscher ohne Gesichtsverlust „die Seiten wechseln konnte“ und so „das Land retten“ vor den sicheren Abgründen von Sozi-Unfähigkeiten. Und was hatte die SPD faktisch dabei getan: eine Innen- und Außenpolitik betrieben, die immer ein wenig rechts von der Linie lag, die die CDU einklagte. Um dem Vorwurf, man sei nicht staats-, man sei nicht regierungsfähig, zu begegnen, wurde die SPD in der Regierung unter Schmidt die rechtere CDU. Was ihr nicht half. Die Partei musste die Sessel dennoch räumen. Das ist das Schicksal sozialdemokratischer Bundesregierungen in der BRD. Sie machen das Land insgesamt rechter als eine CDU-Bundesregierung das kann.

Die CDU an der Bundes-Macht hat ein potentielles Korrektiv in einer sozialdemokratischen wie auch grünen wie auch PDS-Opposition, es gibt gewissen Widerstand der Gewerkschaften, die nicht aus Parteiloyalität zur SPD stillhalten müssen, etc. Bei einer SPD-Bundesregierung, zumal bei Rot-Grün, fallen diese Reste „linker“ Opposition weitgehend unter den Tisch. Das war absehbar vor der Wahl. Aus der ganzen Latte der bestehenden „Sachzwänge“ würde Rot-Grün die meisten Züge der CDU-Politik weiter betreiben, nun aber mit ständigem oppositionellem Druck von rechts. Was bedeutet: Die gesamte öffentliche Sphäre macht notwendig einen massiven Rechtsruck, auch wenn das in der ersten Euphorie von Wahlsiegs-Nächten ganz anders aussieht. Man sieht in so einem Moment wieder genau, wem die (meisten) Zeitungen gehören im Land: Unternehmern bzw. Leuten, die dem Verband dt. Unternehmer nahe stehen. Die Hetze setzt fast augenblicklich ein: Das erste Opfer wurde Lafontaine; er konterte persönlich mit einem eher großartigen Rücktritt. (Fischer grinste cool, wies überlegen alle Vorwürfe ungenügenden Mannschaftsspiels zurück und ging zur Tagesordnung über). Der nächste an der Reihe ist Trittin; der hat jetzt Schonfrist wegen Nato-Bombern, kann sich freuen.

Vernünftigerweise muss man sagen, es ist besser für das zivile Leben der BRD, eine CDU-Regierung zu haben in Bonn, bundesratsmäßig in Schach gehalten von rot-grünen, rot-roten oder auch rot-gelben Länderregierungen. So etwa habe ich geredet vor der Wahl; und fühle die schrägen Blicke noch auf mir liegen, mit der abtastenden Frage, ob ich denn – obwohl ja einiges für meine Argumente spräche – nicht doch im Grunde verrückt geworden sei. Meinetwegen. Verrückt genug, die Konsequenz daraus zu ziehen und die blubbernde Kohl-Visage wirklich zu wählen, war ich dann wieder nicht. Aber ich habe jedenfalls nicht Rot-Grün in den Kriegssattel geholfen. – Die ganze „oppositionelle Politik“ in der BRD muss wohl neu überdacht werden.

„Joseph, lass das, dafür bist du noch zu klein“, sagte die Mama. – „Bin ich gar nicht“, sagte Joseph. „Das verstehst du noch nicht. Warte, bis du groß bist“, sagte der Lehrer. „Ich will aber nicht warten“, sagte Joseph. „Außerdem bin ich groß. Größer als ihr denkt. Groß genug, Großes zu tun. Aber es lässt mich ja niemand ...“ – „Halt den Mund, Joseph“, sagte der Chef. „So kannst du reden, wenn du mal erwachsen bist und selbständig.“ Und so ging es weiter. Und da man in diesem Land erwiesenermaßen nichts machen kann, und zwar überhaupt nichts, ehe man nicht Außenminister ist, und zwar selber, mit der eigenen Haut und den eigenen Haaren und ganz und gar, beschloss Joseph, der es leid hatte, immer der Lehrling Joseph zu sein und den sie daher nur Joschka nannten... na, den Rest kennen Sie. „Fischer hält die EU zusammen“, schreibt heute das Käsblatt. Und Fischer sagt im Fernsehn: „Wir dürfen uns nicht wegdrehen.“ Nein, dürfen wir nicht. Fischer: „Die Verantwortung liegt allein bei Milosevic.“

P.S.: Die Formel von der „humanitären Katastrophe“, die im Kosovo zu verhindern sei, macht semantisch keinen Sinn. Humanitäre Katastrophen gibt es nicht, humanitär kann eine Hilfe sein, nicht eine Katastrophe. Die ist immer anti-human bzw. nicht-humanitär. Eine „Katastrophe des Humanitären zu vermeiden“, wäre die Formel gewesen; aber da die handelnden Herrn genau das nicht vorhaben, ist ihnen auch die Sprache nicht gefügig und spricht (wahr) gegen sie.

Der Begründungsgestus dieser Haltung – „humanitäre Notwendigkeit“ – ist dabei aus der Nato-Zentrale selber sogleich dementiert worden: „Der Erfolg der Luftangriffe ist vor allem in humanitärer Hinsicht umstritten. ... Nato-Generalsekretär Javier Solana betont unablässig, die serbischen Vertreibungen der Kosovo-Albaner hätten schon vor langem begonnen. Ein Nato-Diplomat räumte gestern gegenüber FAP ein, es sei ein „großes Kommunikationsproblem“, dass die Nato als Ziel ihrer Angriffe die Verhinderung einer ‚humanitären Katastrophe‘ genannt habe. Die deprimierende Entwicklung im Kosovo offenbare die ‚Lächerlichkeit‘ dieser Darstellung. Eine menschliche Tragödie konnte nicht nur nicht verhindert werden, im Gegenteil: Seit die Beobachter der OSZE und die westlichen Diplomaten aus dem Kosovo abgezogen wurden, können die jugoslawischen Sicherheitskräfte praktisch unter Ausschluss der Öffentlichkeit brandschatzen, vertreiben und morden“ („Taz“, 31. März1999).

Bei Bomben-Fischer kommt mir langsam auch die Idee, man sollte doch mal kucken, ob da nicht eine Dose Bastian-Kompatibles in einer vorvergangenen Gegenwart liegt – angeklopft hat der Verfassungsschutz bei jeder/jedem, soviel weiß ich. Und politisch traue ich keinem über zehn.

„Keine Alternative zum Bombardement“: Die zivilen Folgen dieser Erklärung sind unabsehbar. Wenn die politisch, wirtschaftlich und militärisch stärkste Koalition der Welt, die USA und die Nato-Staaten, angesichts des im Weltmaßstab relativ geringfügigen Kosovo-Problems erklären, es gäbe keine Alternative zum gröbsten aller Mittel: dem kriegerischen Überfall auf ein anderes Land unter Bruch geltender Gesetze, dann ist jeder Schlag in die Fresse bei einem Kneipenstreit, in der Ehe, zwischen Fan-Gruppen, zwischen politischen Meinungsgegnern, unter Schülern und wo immer man will das erlaubte Mittel, zu dem es „keine Alternative“ gibt, wenn der Verhandlungswille, wenn der Redewille bei einer der beteiligten Parteien versiegt. Wo jemand vom Tisch aufsteht und die Rede einstellt, kann künftig von dem, der sich „verletzt fühlt“ oder der weitere Verletzungen fürchtet, nach Nato-Logik zugeschlagen werden. Wenn Rambouillet-Rambo Fischer uns weismachen will, dass damit das Repertoire aller diplomatischen Mittel erschöpft war, dann Gnade uns Gott vor den weiteren Zügen dieses Ober-Diplomaten. Die Zeitungen vermelden, die führenden Militärs der beteiligten Nato-Länder hätten die Politiker vor der eingeschlagenen Strategie gewarnt: Luftkrieg reiche nicht, wenn man hier gewinnen wolle. Wehe uns, wenn am „Gewinnen“ festgehalten wird.
 1. April 1999