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Vera Ansbach während ihrer Rede am Lustgarten



Mitglieder der Gruppe Baum bei einem Ausflug 1937/1938
Die Widerstandsgruppe Baum
Broschüre vom Gegeninformationsbüro 6. September 2005


Ehrung am Gedenkstein im Berliner Lustgarten für Herbert Baum und GenossInnen. Es sprach die Zeitzeugin Vera Ansbach, Frau von Herbert Ansbach, dem 1936 verhafteten engen Mitstreiter der Herbert Baum Gruppe.


Schon seit Jahrhunderten heißt dieser Platz Lustgarten. Man sollte denken, dass es hier fröhlich zugeht. Aber das ist nicht so. 1942 wurde hier von dem Nazi-Regime eine Ausstellung gezeigt, genannt „Das Sowjetparadies“. Zu dieser Zeit war die deutsche Armee schon vor Moskau zum Stillstand gebracht, das Inferno von Stalingrad stand vor der Tür. Da war es nötig, die Bevölkerung im Hinterland aufzustacheln, sie zum verstärkten Einsatz gegen die Sowjetunion zu motivieren. Deshalb diese Lügen- und Hetzausstellung, die das Leben in der Sowjetunion in den schwärzesten Farben malte und Schrecken und Angst vor der herannahenden Sowjetarmee verbreiten sollte.

Doch nicht alle verfielen der Hetzpropaganda, auch nicht die Gruppe von etwa 30 bis 40 jungen Menschen, von denen keiner älter als 23 Jahre war. Auch ihr Leiter, der Kommunist Herbert Baum und seine Frau Marianne, waren kaum 30. Sie alle hassten Faschismus und Krieg; großes Vertrauen hatten sie zur Sowjetunion, und sie rechneten fest damit, dass die Sowjetarmee den Krieg siegreich beenden und das Volk vom Faschismus befreien würde. In den Kampf reihten sie sich ein, der Gefahren bewusst.

Herbert und Marianne Baum waren seit 1931 Mitglied im Kommunistischen Jugendverband Deutschlands und bald darauf in der Kommunistischen Partei. Die Verbindung zu den heranwachsenden Freunden aus der jüdischen Kindergruppe, deren Leiter Herbert Baum seit einigen Jahren war, hat er nie verloren. Sie bildeten gemeinsame Zirkel, nun schon heimlich und illegal. Dort suchten sie, die Ursachen des Faschismus zu ergründen und sich mit ihrer Umwelt auseinander zu setzen. Marxistisches Gedankengut fasste bei den Mitgliedern dieser Zirkel zunehmend Fuß und gab ihnen Zuversicht, dass der Faschismus schließlich überwunden würde.

Auch durch die äußeren Bedingungen wurden die jungen Antifaschisten zu der Gruppe um Herbert Baum zusammengeschweißt. Illegaler Widerstand gegen das Nazi-Regime war voller Gefahren: für die Bevölkerung war der Kontakt mit Juden lebensbedrohend; umso gefährlicher war es für die organisierten Widerstandskämpfer, in ihren Kampf jüdische Gleichgesinnte einzubeziehen. So entwickelte sich die Gruppe organisatorisch abgetrennt von KJVD und KPD, doch gab es immer konspirative Kontakte. Ein Verbindungsmann der KPD war z.B. der damals 25-jährige Chemotechniker Werner Steinbrink, der an der letzten, spektakulärsten Aktion, eben an dem Ort, wo wir jetzt stehen, entscheidend mitwirkte und dafür das Leben ließ. Am 18. August 1942 wurde er in Plötzensee zusammen mit sechs seiner Kameraden hingerichtet.

Heute wird die Gruppe um Herbert Baum oft als jüdische Widerstandsgruppe bezeichnet. Nur wenige ihrer Mitglieder lebten in jüdischen Traditionen und mit jüdischer Konfession. Andere kannten keinen Unterschied zu Menschen ihrer Umgebung, nie gab es für sie eine Unterscheidung zwischen „Deutschen“ und „Juden“, wie es die Nazis mit ihrer faschistischen Rassentheorie erklärten – und wie es leider noch heute in manchen Köpfen geschieht. Es gab viele Menschen, die erst durch die Forderung von „Arier-Nachweisen“ und durch die Rassengesetze der Nazis erfuhren, dass sie nicht „Deutsche“, sondern „Juden“ waren. Nicht nur das „Jüdisch-Sein“ vereinte die Freunde der Gruppe, es war vor allem der Wille, etwas zu tun gegen Faschismus und Krieg. Sie waren Antifaschisten, die meisten sahen sich als Kommunisten.

Wie schwer sie es auch hatten, die jungen Leute in der Gruppe um Herbert Baum ließen sich nicht entmutigen. Sie sind ein Beweis dafür, dass sich nicht alle Juden wie Lämmer zur Schlachtbank führen ließen, dass es selbst unter schwierigsten Bedingungen jüdische Menschen gab, die sich wehrten und sich ihre Würde nicht nehmen ließen. Die von ihnen gebildeten Zirkel waren keine reinen Studiergruppen, sondern ihre Mitglieder leisteten von Anbeginn aktiven Widerstand. Sie schrieben und verteilten Flugblätter, so zum Beispiel klebten sie, als angesichts des nahenden Krieges eine Probe-Verdunkelung angeordnet war, Zettel mit der Aufschrift „Heute noch bloße Übung – Morgen schon bitterer Ernst“ und schauten am nächsten Morgen genüsslich zu, mit wie viel Mühe die Polizei sie abkratzte.

Am 8. Mai 1942 eröffneten die Faschisten hier ihre Hetz­ausstellung. Die jungen Leute um Herbert Baum beschlossen, sie in Brand zu stecken. Am 18. Mai legten sie Feuer an einen Pavillon, doch der Anschlag verursachte nur geringen Schaden.

Dennoch war er ein Fanal, sogar eine Züricher Zeitung berichtete darüber. Wie ein Blick in die Archive zeigt, war die Gestapo in der Folgezeit voll damit beschäftigt, die Brandleger zu suchen und leider auch zu finden. Viele Mitglieder der Gruppe wurden umgebracht – ich nenne hier nur einige: Herbert und Marianne Baum, Sala und Martin Kochmann, Irene Walther, Gerhard Meyer, Werner Steinbrink, Hilde Jadamowitz und Suzanne Wesse.

Und als eine für die Juden ausgeheckte Kollektivstrafe wurden 500 Juden an ihrem Zwangsarbeitsplatz in Lichterfelde sofort umgebracht oder nach Sachsenhausen gebracht und dort erschossen. Wir stellen uns vor, wie schwierig es für die als Juden diskriminierten und isolierten jungen Menschen war, ihren Beitrag zum Sturz des Faschismus zu leisten. Sie liebten das Leben, sie lasen, sie sangen ihre Lieder, trotz allem ihnen aufgezwungenen Leids hörten sie nie auf zu kämpfen.

Wie gern hätten sie die Befreiung vom Faschismus erlebt! Sie gaben ihr Leben – Wir wollen sie nicht vergessen.


Vera Ansbach

Vera Ansbach wurde 1920 in Darmstadt geboren. Ihre Eltern sind jüdischer Herkunft. Sie bekommt durch ihre Mutter aber vor allem eine antifaschistische Erziehung. Nachdem sie als jüdische Frau die Schule nicht zu Ende bringen konnte, emigriert sie 1939 nach England. Beim deutschen Kulturbund lernt sie deutsche Kommunisten und Widerstandskämpfer kennen. Sie tritt in die KPD ein. Sie lernt ihren Mann kennen, der Angehöriger der Gruppe um Herbert Baum ist. Sie gehen 1946 nach Berlin. Dort arbeitet sie zunächst im Westsektor als Lehrerin. Sie muss den Schuldienst aber 1949 verlassen, weil sie ihre Lebensmittel von den Sowjets beziehen und Angehörige der KPD ist. 1949 gehen sie und ihr Mann dann in den Ostteil der Stadt. Seitdem lebt sie dort.


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 6. September 2005